Bus: Einstieg vorne

„Hey! Sie in der grauen Jacke!“, dröhnt es durch den Bus. „Kommen Sie nach vorne!“

Ich habe es gewagt: Ich bin in der Mitte des Gelenkbusses eingestiegen. Ich Rebell. Habe ich mich doch damit gegen den sogenannten „Fahrgastfluss“ gewandt, der in vielen Städten mittlerweile wieder zum Alltag geworden ist. Wie schön war es früher, als man einfach überall in den Bus einsteigen konnte.

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„Wollen Sie mein Ticket sehen?“, rufe ich zurück und wedele meine Monatskarte in der Hand, während ich nach vorne gehe. „Ja“, antwortet der Busfahrer. „Hier wird vorne eingestiegen. Brauchen Sie eine Extra-Einladung?!“

Gelassen antwortete ich: „Nö, aber bei dem Wetter könnten Sie ruhig kulanter sein.“ Es regnete gerade wie aus Kübeln. Daraufhin sagte der Busfahrer nichts mehr – schließlich zeigte auch das Ticketgerät an, dass meine Monatskarte gültig ist.

Bereits an der nächsten Station stiegen mehrere Fahrgäste sowohl in der Mitte als auch an der letzten Tür des Gelenkbusses ein – natürlich ohne, dass der Busfahrer irgendwen nach vorne zitierte.

Der Unsinn des Fahrgastflusses

Überrascht hat mich die Aktion nicht sonderlich, denn das habe ich schon häufig beobachtet: Gehen einzelne Personen hinten rein, gibt es schonmal eine Ansage vom Busfahrer. Sobald aber mehr als vier, fünf Leute hinten einsteigen, sagt der Busfahrer nichts.

Das hört sich nicht nur unfair an, es ist auch nicht wirklich nachvollziehbar. Und an großen Haltestellen ist dieser „Fahrgastfluss“ absolut gar nicht einzuhalten.

Die Rheinbahn in Düsseldorf hat bei der Einführung 2004 sogar gesagt:

„Unsere Fahrer sind angewiesen, bei einer riesigen Menschentraube auch mal die hinteren Tür zu öffnen.“

Auch die BVG in Berlin gab letztes Jahr zu Protokoll:

Im Übrigen sei es den Fahrern freigestellt, Fahrgäste auch mal durch die Mitteltür einsteigen zu lassen, falls dies der Sicherheit oder Pünktlichkeit diene. „Der Fahrer ist der Kapitän, er kann das allein entscheiden.“

Die Probleme

Nicht nur, dass der Vordereinstieg länger dauert, weil der Kartenautomat einige Zeit braucht, bis er eine Rückmeldung über das hingehaltene Monatsticket gibt – oft fahren die Busse auch an, bevor die Fahrgäste nach hinten durchgehen und sich hinsetzen konnten. Gerade ältere Leute kommen da regelmäßig ins Schwanken, somit erhöht sich die Verletzungsgefahr der Fahrgäste.

Auch fühle ich mich als Montatskarten-Inhaber ziemlich verarscht: Ich zahle monatlich über 96 Euro, dafür, dass man mir vorschreibt, wo ich im Bus ein- und auszusteigen habe. Einer der Gründe, weshalb ich nach Möglichkeit Straßenbahn und die Deutschen Bahn bei meinen Fahrten bevorzuge.

Ich bin auch kein großer Freund von Schwarzfahrern – aber dann sollen gefälligst mehr Kontrolleure angestellt werden. Denn letztendlich bezahlen die Inhaber von Monatskarten viel Geld und die Verkehrsbetriebe sparen trotzdem am Personal.

In Wuppertal bin ich jetzt seit über einem halben Jahr wochentags täglich mit dem Bus gefahren, zu verschiedenen Uhrzeiten morgens, mittags und nachmittags. Gerade zwei Mal(!) habe ich in dieser Zeit zivile Kontrolleure im Bus gehabt. Da wird es Schwarzfahrern einfacher gemacht als den zahlenden Fahrgästen. Anders in der S-Bahn, wo man nachmittags trotz Berufsverkehr mit einem Schaffner rechnen kann.

Überhaupt: Obwohl durch den Vordereinstieg angeblich Millionen von zusätzlichen Gewinnen bei den Verkehrsunternehmen einfließen, steigt der Preis für die Tickets Jahr für Jahr – da könnte man doch auch mal mehr Kontrolleure einstellen. Wo geht das Geld hin? In höhere Gehälter der Vorstände? Na super!

Argumente und Zwänge

Die beiden anderen Argumente, weshalb der Vorder-Einstiegs-Zwang eingeführt wurde, halte ich für lächerlich: Weder fühlt man sich sicherer, denn dafür müsste man jeden Fahrgast einer Leibesvisitation unterziehen, noch ist es im Bus sauberer als früher – schließlich kriegt der Busfahrer vorne gar nicht mit, was hinten im Bus passiert.

Ich bin auch schon mehrmals ohne Probleme mit einer Brötchentüte in der Hand vorne eingestiegen, ohne dass der Busfahrer sich dafür interessiert hätte oder mir wenigstens den Hinweis gab, dass in Bussen essen nicht erlaubt ist (was ich ohnehin nicht gemacht habe). Obwohl in Wuppertal sogar trinken im Bus verboten ist, habe ich schon Leute im Bus trinken sehen – ohne, dass der Fahrer irgendwas gesagt hat.

Bei der Einführung der Vordereinstiegs-Pflicht 2010 gaben die Wuppertaler Stadtwerke auch noch einen anderen Grund an:

Die WSW reagieren nicht zuletzt auch auf Druck von außen: Finanziell gefördert wird in Zukunft nur noch die Anschaffung von Bussen, bei denen Ticket-Lesegeräte zur Grundausstattung gehören.

Es geht also nicht nur um Geld von Schwarzfahrern, sondern auch um Fördergelder.

Politisches

Ob sich an dem Fronteinstiegs-Zwang irgendwann etwas ändern wird, ist leider ungewiss. Immerhin gibt es vereinzelt auch politische Bestrebungen, dem ein Ende zu setzen:

  • In Berlin sind die Grünen und die Piraten für eine Öffnung der hinteren Türen als Einstiegsmöglichkeit, scheiterten im letzten Jahr aber gegen die überlegenen Stimmen von CDU und SPD (PDF Seite 5, Punkt 6).
  • Grundsätzlich fordern die Piraten einen fahrscheinlosen ÖPNV, womit auch der Vordereinstiegs-Zwang Geschichte wäre.
  • Auch der BUND in Berlin ist für den Wegfall des Vordereinstiegs (PDF Seite 25).
  • In Hamburg engagiert sich die FDP unter anderem gegen den Vordereinstieg (Word-Datei / Google Docs Viewer).
  • DIE LINKE in Hamburg fordert immerhin, dass der Vordereinstieg behindertengerecht gestaltet sein soll (z.B. keine Stangen).
  • In Stuttgart gab es 2011 von Bürgern den Vorschlag, den „allgemeinen Vorne-Einstiegs- und Fahrausweisvorzeigezwang“ zu Verkehrsstoßzeiten abzuschaffen und stattdessen mehr Kontrolleure einzusetzen, dies wurde von den Verkehrsbetrieben in Stuttgart aber zurückgewiesen.

Bis dahin bleibt den Fahrgästen als ziviler Ungehorsam nur übrig, sich möglichst viel an den hinteren Türen zu sammeln – und somit kollektiv den Hintereinstieg ohne Anschnauzerei vom schlecht gelaunten Busfahrer durchzusetzen.

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